Roman / Bernhard Moshammer / Herbst 2022

 

Lami tenda 

Lami sui 

Newa lemigo 

Ju häme 

Mei leikomli 

Endai lajuso 

Lami tenda 

Lami ru 

Oumai dwimufil 

Vomai dalin 

Eilaju 

Ändai osejwil

Adam Holzapfels Version von ›Love me Tender‹


Hätte der Wald einen Lautstärkeregler und stünde der auf zehn, das Getöse wäre nicht zu ertragen, so jedoch spricht man von der friedlichen Waldstille. Seine Brutalität ist also nur verdrängt, ruhiggestellt. Es ist früh am Morgen, noch hält der Nebel die Umgebung gefangen, aber nicht mehr lange, da drüben im Osten gibt er sie schon frei. Ein schwerer Duft von feuchter Erde, Bärlauch und Pilzen hängt in der Luft. Mutter Natur, die alte Jungfer, streichelt sich selbst.

    Die beliebtesten Gerüchte über die Waldschwestern

  • Sie sind halb Mensch, halb Tier.
  • Sie können weder sprechen noch lesen und schreiben.
  • Sie erlegen Tiere mit bloßen Händen und Zähnen.
  • Sie trinken frisches Tierblut.
  • Sie trinken ihr eigenes Menstruationsblut.
  • Eine von ihnen hält immer Wache am Waldrand – unsichtbar.
  • Sie fliegen durch den Wald.
  • Sie sind Herrinnen über Waldgeister und Dämonen.
  • Sie haben den respektablen Holzapfeljoseph ermordet und im Wald verscharrt.
  • Sie haben ihn an die Wildschweine verspeist.
  • Sie haben ihn selber verspeist.
  • Sie sind schon lange tot.
  • In der Hütte leben ihre untoten Geister.
  • Niemand lebt dort, dennoch steigt Rauch aus dem Schornstein.
  • Sie haben nie existiert.

Ist Das alles?

Jede Freiheit wurde zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. Und so dachte auch der Felsenreiter mit der Zeit die ältesten Fragen der Menschheit: ›Ist das alles?‹ ›Warum ich, Herr?‹ Wir kennen das, wissen, dass die Antworten des Herrn zumeist ausbleiben oder aber ›Ja‹ und ›Einfach so‹ lauten.




Die Zukunfts- oder Endzeitszenarien der Romanautoren und Filmschaffenden der vergangenen Jahrhunderte waren in der einen oder anderen abgeschwächten Form Wirklichkeit geworden – ein Fakt, der niemals wirklich diskutiert oder ernstgenommen worden war. Dabei wäre nicht der seherische Aspekt interessant gewesen, sondern die Frage, inwieweit die Fantasie des Menschen seine Zukunft zu programmieren imstande ist. Was früher auf Bildschirmen als ästhetisch cool gegolten hatte, war als Wirklichkeit nur traurig und brutal. Die Kerne der Städte waren noch dicht besiedelt, die Vorstädte und Randbezirke lagen brach, verlassen, zerstört, liegengelassene Artefakte der Zivilisation, von halbstarken Banden, patriarchalen oder matriarchalen Clans regiert. Flora und Fauna eroberten uralte Territorien zurück. Die Uhren waren zurückgedreht, weit zurück, sie tickten ihren ewigen Rhythmus, der die Tage schluckte wie der Bach die Wellen.

Mutter Natur denkt über sich selbst nach. Und jetzt hat sie eine Erkenntnis: Sie ist gar keine Mutter. Die Mutter wurde ihr angedichtet, umgehängt wie eine bleischwere Kette, ein verlogener Friedenspreis oder ein lächerliches Verdienstkreuz. Greift sie da Steine in ihrer Manteltasche? Und ist das warmes Wasser zwischen ihren Zehen? Das Moos wird nass und nässer, jetzt umspielt schwarze Schmiere ihre Knöchel. Wurde sie ins Moor geschickt, in den Sumpf gestoßen, verbannt? Nein, sie hat doch gar keine Füße, sie ist die Natur selbst. Sie ist alles, sie ist Gott. 

Herrje, sie muss sich zusammenreißen! Die verhassten Panikattacken lassen sich nicht kontrollieren, die dunklen, quälenden Träume machen, was sie wollen. Zwar erkennt sie, wenn sie um sich blickt, ihre eigene Schönheit und die der Welt, nie war sie verschwenderischer, üppiger oder wilder, aber etwas in ihr verweigert das Gute, tendiert zum Drama. Der Magnetismus des Endes, des großen Untergangs. Irgendetwas, das spürt sie, ist passiert.

Lesungen / Konzerte / Termine 

 

29.09.22  Österreichische Gesellschaft für Literatur / Wien

09.10.22  Ö1 Gedanken / 09:00 Uhr / ORF Radio Ö1

11.10.22  Buchpräsentation / Café Korb / Wien 

13.10.22  Buchhandlung Grohmann / Zwettl

19.10.22  mit Peter Waldeck / Lhotzkys Literaturbuffet / Wien

21.10.22  Stadtbücherei / Lienz

24.10.22  mit Peter Waldeck / Seeseiten Buchhandlung  / Wien

04.11.22  Café Moshammer / Böhlerwerk

17.11.22  Buchhandlung Desch-Drexler / Pinkafeld

25.11.22  mit Peter Waldeck / Buchcafé Melange / Wien

02.12.22  mit Sarah Viktoria Frick / Literaturhaus Liechtenstein

14.12.22  Moshammer & Hoysa / Börn & Mika Vember / Breitenseer Lichtspiele / Wien

04.01.23  Cinema Paradiso / St. Pölten

15.02.23  Akademie der Bildenden Künste / Wien

 


Bernhard Moshammer, geboren 1968, ist Schriftsteller und Musiker. Er spielte als Bassist in Bands, war Verkäufer im Handel (als es noch Tonträger gab), seit 2012 macht er Musik fürs Theater (u.a. mit Simon Stone, David Bösch, Leander Haußmann / Claus Peymann, Nicolas Brieger oder Peter Wittenberg), daneben veröffentlichte er in idiosynkratischer Manier unter seinem bürgerlichen Namen oder als Börn mehrere CDs. (Ja, CDs, es waren die Nuller- und Zehnerjahre.) Letzte Theaterpremiere: 23.09.22 / »Der Prozess« / Landestheater Linz.

 

DIE HOLZAPFEL SCHWESTERN ist sein sechster Roman. Er singt das Lied der menschlichen Natur (Spoiler: es ist kein Wiegenlied). Er erzählt von Frauen im Wald, von Menschen, die sich um sich selbst kümmern und niemandem vertrauen, von einer unregulierten Welt, in der das Gesetz des Stärkeren regiert. Nach einem Kollaps ist der Westen auf ein Niveau der Vergangenheit zurückgeworfen. Mitten im Wald führen die Schwestern, Maria und Regina Holzapfel, ein karges Leben fernab jeglicher Zivilisation zwischen Überlebenskampf und archaischer Religiosität. Als ihre Halbschwester Sarah hochschwanger zu ihnen stößt und den kleinen Adam zur Welt bringt, wird ihr Leben auf den Kopf gestellt. Adams Vater, der Zuhälter Felsenreiter, entführt den Fünfjährigen, um ihm ein Leben in der Stadt zu ermöglichen, wo der Bub von den Mädchen der ›Sunshine Bar‹ erzogen wird. Die Holzapfelschwestern verlassen den Wald, um nach ihm zu suchen, aber sie passen nicht in die ihnen fremde Welt. Als Adam seine Bezugspersonen nach und nach verliert, wird seine Sehnsucht nach dem Wald und seiner Familie immer größer.

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